
Symbolbild
Ein Bürgermeister hisst die Staatsflagge. In Frankreich, Dänemark oder den USA ist das keine Erwähnung wert. In Deutschland ist es ein bundesweites Politikum. Wenn in einer Kommune wie Neustadt die Deutschlandflagge dauerhaft wehen soll, schrillen bei den etablierten Parteien sofort die Alarmglocken. Der Grund: Der Antrag kam von der AfD. Prompt wird die schwarz-rot-goldene Fahne als „bewusste politische Symbolaktion“ gebrandmarkt. Im selben Atemzug wird die Regenbogenflagge an öffentlichen Gebäuden als völlig neutrales „Wertesymbol“ verteidigt. Ein absurder Kontrast, der den Blick auf das eigentliche Drama der deutschen Politik freigibt: den totalen Verlust politischer Souveränität.
Die politische Mitte räumt ihr eigenes Staatssymbol nicht aus tiefer inhaltlicher Überzeugung. Sie tut es aus blanker Panik. Die Angst dieser Akteure richtet sich ironischerweise gar nicht gegen politische Ränder oder die breite Wählerschaft. Der Durchschnittsbürger hat überhaupt kein Problem mit der eigenen Flagge. Die Furcht richtet sich ausschließlich nach innen: auf Leitmedien, aktivistische NGOs und die eigenen Parteijugenden.
Man zittert vor der nächsten Leitartikel-Schlagzeile, die völlig sinnbefreit titelt: „Driften die Grünen nach rechts, weil sie die Deutschlandflagge hissen?“ Eine solche absurde Drohkulisse reicht heute aus, um Mandatsträger in den vorauseilenden Gehorsam zu treiben. Man hat gewaltige Angst vor der moralischen Abwertung im eigenen Milieu. Das Ergebnis ist eine Politik der Übervorsicht, der Selbstzensur und des ständigen Schielens auf den nächsten Shitstorm.
Das Problem liegt in der Rekrutierung unseres politischen Personals. Der klassische Lebenslauf in den Parteizentralen, von der Parteijugend über den Referentenposten direkt ins Mandat, züchtet Menschen heran, die das System auswendig gelernt haben. Sie wissen exakt, welche Floskeln Applaus bringen und welche Symbole man meiden muss, um unangenehmen Fragen auszuweichen. Intellekt ist hierbei nebensächlich. Was fehlt, ist die innere Achse.
Wahrer Charakter in der Politik bedeutet Konfliktfähigkeit. Wer innerlich souverän ist, braucht nicht ständig die Bestätigung der eigenen wohlmeinenden Twitter-Blase. Ein charakterstarker Politiker würde dem Druck einfach die kalte Schulter zeigen, sich umdrehen und weitergehen. Er würde die Fahne hissen, weil sie das fundamentale Symbol des Staates ist, und die aufgeregten Moralwächter schlicht ignorieren. Diese Standfestigkeit ist jedoch einer tiefen sozialen Abhängigkeit von Bühnenlicht und medialer Anerkennung gewichen.
Politische Naturgesetze lassen sich nicht austricksen. Wer ein kulturelles Vakuum schafft, lädt andere dazu ein, es zu füllen. Wenn die etablierten Parteien ihre eigene nationale Symbolik aus reiner Furcht vor falschen Interpretationen meiden, überlassen sie das gesamte Feld kampflos der AfD. Die Opposition muss die Begriffe wie Heimat und Identität gar nicht mühsam kapern. Sie klaubt sie einfach vom Boden auf.
Wer sich die Deutung über die Normalität dermaßen vorschreiben lässt, büßt auf Dauer jede Relevanz ein. Die Bürger merken genau, wann Führung von Angst und wann sie von Souveränität getragen wird. Es ist an der Zeit, aufzuhören, vor dem eigenen Schatten zu erschrecken. Andernfalls wird die Mitte weiterhin dabei zusehen, wie sie sich selbst marginalisiert und dabei fleißig die Schuld bei allen anderen sucht.